Ich habe aufgehört zu schweigen und spreche jetzt.

Medeas Tochter* Cecilia

2) Steuer Wenn ich heute heimkomme, darf ich meine Steuererklärung machen. Freier Dienstvertrag, eh klar. Wo muss ich denn diese Auslandseinkunft angeben? Unter Progressionsvorbehalt? Nein nicht Vorbehalt sondern Befreiung! Naja, schön wär’s. Jedenfalls muss ich mir das mit dem Doppelbesteuerungsabkommen nochmal anschauen. Gestern auf der Straße, habe ich ein Auto mit Kennzahl 9040 1 gesehen. Da habe ich gewusst, ich muss jetzt wirklich meine Steuererklärung machen. Länger hinausschieben geht nicht! Unter Kennzahl 9040 kommen die Einnahmen in der Anlage E1a, unter 9259 die pauschalierten Betriebsausgaben. Wähle ich denn jetzt das Pauschalieren oder die vollständige Einnahmen- Ausgabenrechnung? Basispauschalierung, das sind 6%. Dann noch Grundfreibetrag, 13%, zum Schluss in die Kennzahl 320 die…

Medeas Tochter* Elif

1) Ich bin eine migrantische Schauspielerin. Eine Migrantin, die seit 8 Jahren in Wien lebt. Eine Migrantin, die Theater machen will. Hier und jetzt. Ich bin ja hier. Ich bin ja in Wien, verdammt nochmal. In dieser Gesellschaft. Aber viele Leute wolllen mich nicht sehen, mich einfach ignorieren. Was habe ich in diesen 8 Jahren gelernt??? All diese Erfahrungen haben mich zu den verschiedenen migrantischen Traumen und paranoiden Reaktionen geführt. Wenn etwas nicht geklappt, denke ich mir sofort .. Wegen meinem Deutsch, wegen meinem Visum, meiner Nationalität, wegen meinem Namen. Warum kann ich nicht mehr inhaltlich denken?! Vielleicht bin ich ja nicht gut genug. Es ist ja ok. Aber warum denke…

Medeas Tochter* Elif

Theater Im Moment ist es ja eh wurscht, wegen Corana. Wir brauchen 100 quadratmeter für 5 Leute zum Proben. Ich habe den ganzen Raum für mich alleine. Woow endlich bin ich privilegiert. Wie war das: Niemand kommt, niemand geht. Wir warten auf Godot, aber nix passiert. All die autoritären, hierarchischen Regeln macht mich echt fertig. In der Gesellschaft, auch im Theater. „ Du solltest einfach machen, was ich dir sage. Du bist eine Dienstleisterin.“ sagte ein Regisseur bei einer Probe. Dann habe ich gesagt: Ich bin keine Dienstleisterin! Ich bin eine Schauspielerin. Manche Regisseure denken, dass sie Gott sind und ich eine Puppe.

Medeas Tochter* Ines

Ich bin in eine medizinische Mittelschule gegangen. Meine Mutter wollte, dass alle drei Kinder Medizin studieren, es war in den 90er Jahren in Kroatien, Kriegszeit, meine Mutter dachte offensichtlich, dass das in der Zeit das Beste für uns ist. Wir alle drei wollten es aber nicht. Ich wollte eigentlich in die Kunst-Mittelschule gehen, eine Fotografin werden, aber meine Mutter erlaubte es mir nicht: „Dann wirst du dein ganzes Leben in der Dunkelkammer verbringen!“, sagte sie. Alle meine Freunde waren in der Kunst-Mittelschule. Während sie mit ihren Lehrern Joints geraucht haben, musste ich eine brave ordentliche Schülerin im weißen Mantel spielen. Im dritten Jahrgang habe ich bei den ersten praktischen Fächern Angst…

Medeas Tochter* Lilie

Ich liebe meinen Job. Anders wüsste ich auch nicht, wie ich die 40 Stunden einer Woche, 180 Stunden eines Monats, 2080 Stunden eines Jahres überleben könnte. Jeden Tag kommen Kunden mit einer Vision hinein, nämlich, dass sie sich nachher besser als vorher fühlen möchten. Gerade wenn Stress ihr Leben zu überfluten scheint, sollen sie sich an unserem Zufluchtsort zumindest für ein paar Stunden davon befreit fühlen. Tagein tagaus Hinterköpfe als Landschaftsbilder. Ist ja nun kein riesiger Unterschied, ob mir die Sonne über dem Meer den Rücken verbrutzelt, oder mir das Platinblond über dem Waschbecken die Retinas ausbrennt. Wenn Kunden von ihrem letzten Urlaub erzählen, dann will ich auch am liebsten gleich…

Medeas Tochter* Cecilia

1) Putzwahn Putzen, putzen, desinfizieren, drüber streichen, drüber fahren, Viren verstreichen, Viren, Viren, Viren. Ich wische und wische und wische. Ich würde gerne mal entspannen, mehr Zeit für mich haben. Aber nein, ich bin hier und desinfizier! So eine Scheisse! Nein hoffentlich nicht das auch noch, nicht scheisse auch noch. Hätte gerade noch gefehlt, ein verstopftes Klo das ich ent-stopfen muss. Und dann Applaus dafür kriegen! Bei meinem Job mache ich alles was so anfällt: Gebäudereinigung außen und innen, Stiegenhausreinigung, Aufzugreinigung, Fensterreinigung, Reinigung von Büro- und Geschäftsflächen, von Vorräumen, Zwischenräumen, Lagerräumen, Waschräumen, Toiletten. Ich putze überall. Üblicherweise putze ich auch in Ungarn, in Deutschland, in Italien, ich bin überall wo ich…

Über Medeas Töchter*…

…feministische Reibungsflächen und die Qualität langer künstlerischer Prozesse. Ein Plädoyer für Sisterhood von Corinne Eckenstein Begonnen hat alles vor mehr als zwei Jahren mit einer Idee und einem Konzept für eine feministische Neuschreibung des Medea Mythos. Aslı Kışlal, Magda Chowaniec und ich starteten den Versuch einer gemeinsamen künstlerischen Arbeit. Ein Prozess, der eine so lange Zeit umfasst bietet Räume und Entwicklungsmöglichkeiten an, die es in sechs bis sieben Wochen Proben nicht gibt. Zu dritt Projekte zu gestalten, ist bereichernd und herausfordernd zugleich. Man muss den Blick immer wieder öffnen und neu fokussieren. Darauf vertrauend, dass es ein gemeinsames Anliegen gibt. Von manchen Idealvorstellungen haben wir zwischendurch immer wieder Abschied genommen. Wenn…

Medeas Tochter* Bihter

Ich sage es mittlerweile frei raus. Ich bin eine Transsexuelle Frau.Das hat für mich persönlich keine Bedeutung. Ich sage es nur, weil ich heute darüber sprechen werde. Ich habe im Irak studiert, Kunstgeschichte. Seit 15 Jahren bin ich aktiv für die Rechte von LGBTQI ein, und seit einigen Jahren auch für die Rechte von Sexarbeiterinnen. Ich habe sehr viel Zeit auf den Straßen verbracht, viel Zeit auf Polizeistationen. Wenn eine Frau Hilfe braucht, und mich mitten in der Nacht anruft, dann gehe ich ran, das ist keine Frage für mich, wenns nötig ist, gehe auf die Wache, nachts um 3 oder 4 Uhr . Ich bin damit aufgewachsen, für mich ist…

Medeas Tochter* Magda

Ich lebe seit 2007 in Wien. Davor war ich in Linz. Ich bin dorthin, um Tanz zu studieren, Zeitgenössischen Tanz. In Polen, wo ich geboren bin, war ich auf der Ballettschule, russischer Ballett, so richtig furchtbar. Ab 14 wollte ich dann kein Ballett mehr machen, sondern contemporary Dance. Und damals gab es in Polen noch gar keine Möglichkeit zeitgenössischen Tanz zu studieren. Und kurz vor meinem Diplom habe ich dann in meiner Schule Anzeigen gesehen, die hingen dort so ganz winzig an den Wänden. Da stand, dass es Workshops gibt in Danzig, für zeitgenössischen Tanz, und Aufnahmeprüfungen für eine Kompanie. Da war für mich sofort klar: Da fahr ich hin. Ich…