Medeas Tochter* Magda

Ich lebe seit 2007 in Wien. Davor war ich in Linz. Ich bin dorthin, um Tanz zu studieren, Zeitgenössischen Tanz. In Polen, wo ich geboren bin, war ich auf der Ballettschule, russischer Ballett, so richtig furchtbar. Ab 14 wollte ich dann kein Ballett mehr machen, sondern contemporary Dance. Und damals gab es in Polen noch gar keine Möglichkeit zeitgenössischen Tanz zu studieren. Und kurz vor meinem Diplom habe ich dann in meiner Schule Anzeigen gesehen, die hingen dort so ganz winzig an den Wänden. Da stand, dass es Workshops gibt in Danzig, für zeitgenössischen Tanz, und Aufnahmeprüfungen für eine Kompanie. Da war für mich sofort klar: Da fahr ich hin. Ich habe mein Zeug gepackt, und bin mit dem Zug dahin gefahren. Dort haben Tänzer aus Linz verschiedene Projekte gemacht, weil sie wussten, dass wir in polnischen Tanzschulen bewegnungsmässig gut ausgebildet sind. Ich wurde dann genommen, und ab September 2005 war ich dann in Linz. Dort habe ich meinen Bachelor und Master gemacht. Wie alle in Linz bin auch ich immer wieder nach Wien gefahren, hier passiert einfach mehr, wir hatten hier auch eine riesen polnische Community aus Linz. Und eine Freundin von mir hatte in Wien ein kleines Projekt, und hat uns eingeladen mitzumachen. Das war im Rahmen von einem Festival für junge Choreographie Nachwuchskünstlerinnen, Imagetanz, das war eine super Plattform für viele Leute, die ihre Schule abgeschlossen haben, etwas auszuprobieren. So habe hier angefangen für unterschiedliche Leute zu arbeiten. Und bin dann nach Wien gezogen.

Mein Traum war als Tänzerin in Kompanien zu arbeiten. Nach einem Jahr in einer Kompanie habe ich dann gemerkt, nein, ich will das nicht machen, ich brauche mehr Autonomie. Ich kann zwar sehr gut mit Menschen, aber es macht mich nicht glücklich, wenn ich konform sein muss, für einen Choreographen, der mich nicht interessiert. Ich wollte dem nachgehen, was ich mich bewegt, als Mensch, als Künstlerin.

Ich wollte meinen eigenen Weg gehen. Das ist ein Risiko. War das mutig? Kommt drauf an. Mut ist immer kontextabhängig. Es gibt Kleinmut und Großmut. Es gibt viele Grautöne zwischen Mut und Mut, soviele Dimensionen, alles, was dazwischen ist. Für eine alte, reiche Frau ist pinker Nagellack mutig. Ich habe ein junge Frau kennengelernt, die musste daheim lügen, um zu mir in den Tanzkurs zu kommen, Sie hat in Kauf genommen, geschlagen zu werden, und ist trotzdem gekommen. Sie musste extrem mutig sein, nur um Tanzen zu können. Mut ist eine Praxis. Das muss immer wieder geübt werden. Ob ich wirklich mutig bin, erfahre ich in den Momenten, wo es mich einfach überrumpelt, und wo ich nicht weiß, wie ich reagiere. Mut ist eine Bewegung.

Ich war schon in einigen Momenten, wo ich dachte, ich bin jetzt mutig gewesen. Aber ich war noch nie im Krieg. Ich habe keine Ahnung, ob ich mich im Krieg mutig als Heldin erweisen könnte. Vielleicht komplett nicht. Vielleicht würde ich mich verstecken, nicht rauskommen können. Ist Mut immer, sich dem Feind zu stellen? Mut ist, weiter zu tanzen, trotz Unterdrückung, trotz Armut und Gewalt. Sich roten Lippenstift aufzutragen und rauszugehen, sich zu versammeln und weiterzumachen, ein normales Leben zu führen, trotz Krieg und Ausgangssperre.

Als Sarajevo Monate lang belagert wurde, gab es Leute, die das Theaterprogramm weitergeführt haben, Leute, die nie im Theater waren, haben plötzliche eine Arena gebildet, sind zusammenkommen, mit Kerzen, jeden Tag gab es Programm, Leute haben performed und das war eine Art von Mega-Empowerment. In die Kirche gehen, kann in Kriegszeiten mutig sein. In Sarajevo hat das Theater eine symbolische Rolle gespielt. Im Krieg weiter Musik zu spielen. Im Irak-Krieg gab es eine Heavy Metal Band, die weitergemacht hat, obwohl Tag für Tag alles zerstört und zerbombt wurde.

Das ist eine Art von Resistance, von Widerstand, weiterzumachen. Man muss nicht zur Waffe greifen, um mutig zu sein. Vielleicht ist es mutiger erschossen zu werden, als zur Waffe zu greifen und zurückzuschießen. Wenn man Pazifistin ist, dann hat man im Krieg kaum Chancen zu überleben, und dieses Zurückschießen macht etwas mit dir als Menschen.

Wir leben hier in Europa im Creme de la Creme. Beste Zeit und bester Ort. Wir leben hier in größten Wohlstandsregion der Welt und haben trotzdem jeden Tag Existenzängste, man hat Angst den Job zu verlieren, die Miete nicht mehr zahlen zu können, die Krankenversicherung, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Es gibt so viele Leute hier in Österreich, in Deutschland, die leben in Armut, essen jeden Tag trashige Wurst und trashiges Brot, müssen jeden Cent umdrehen, leben in engsten Verhältnissen, oder sind obdachlos. Und das in einem der reichsten Länder der Welt.

Und dann sind da Leute, die eine Flucht hinter sich haben, die Krieg und Katastrophen erlebt haben. Die haben keine bürgerlichen Existenzängste. Diesen Unterschied sehe ich sogar zwischen mir und meiner Mutter. Wenn ich anfange Panik zu schieben, sagt meine Mutter immer so: schau mal, wir haben in der Sowjektunion gelebt, wir haben nichts gehabt, man musste stundenlang in der Schlange stehen, man war arm, sie hat 20 verschiedene Regierungen erlebt. Es sind immer die Relationen. Ich sage meiner Mutter, ich habe Probleme, und meine Mutter schaut in andere Weltregionen und sagt: schau mal, dort haben die Menschen kein Geld und kein Essen, das sind Probleme. Das heisst nicht, dass meine Probleme nicht wichtig sind, klar. Aber es hilft schon, sich mal umszuschauen, und zu gucken, was heisst Armut, wem geht es gut, wem geht wirklich schlecht?

Obwohl ich sehr prekär lebe, am Mindestlohn, und ohne regelmässiges Einkommen, bin ich nicht arm, ich habe mich noch nie arm gefunden, weil ich weiß, was echte Armut ist. Ich habe Leute gesehen, die wirklich arm sind. Menschen in Kambodscha, im Kongo. Wir hier verreisen in ferne Länder und sehen dort, was Armut ist.

Deswegen, Europa hat die Pflicht, diesen Leuten aus den Krisengebieten die Türen aufzumachen, auch wenn wir unsere gutes Leben hier teilen müssen. Uns geht es sehr gut in Relation zu dem, was gerade in der Welt passiert, an den Grenzen Europas, anderswo. Wenn ich dafür jemanden in meiner Wohnung aufnehmen muss, und noch weniger Geld habe, wenn wir alle weniger haben, aber dafür können mehr Menschen davon profitieren, dann bin ich total dafür. Das ist für mich die perfekte Geste.

Ich meine, alles was wir haben, alles was wir tragen, was wir essen, unsere gesamten Genussmittel, Schokolade, Kaffee, Klamotten, Musik. Alles kommt von da draussen. Ich war vor kurzem in Kinshasa, ein paar Monate, arbeiten. Und dann bin ich zurück und habe gedacht, ich kann hier nicht mehr leben, ich kann nicht einfach zurückkommen und weiter leben wie bisher. Ich habe mich so geschämt aus Europa zu kommen. Alles was wir machen ist nur nehmen, nehmen ohne Ende. Ich habe mich noch nie so geschämt, weiß und aus Europa zu sein, weil alles schief ist, und weil es ein Ursache hat, dass alles schief ist, es ist diese Tradition, Europäer waren die ersten, die irgendwohin gefahren sind, um Profit zu schlagen.

Eroberungen und Migration gab es schon immer, ja, aber Sklavenhandel in der Größenordnung, das ist eine europäische Tradition, Portugiesen, Spanier, das waren die Anfänge der kapitalistischen Ausbeutung, und das zieht sich bis heute hin. Heute werden die Leute bezahlt, und trotzdem sind sie versklavt. Es ist legal, wird legalisiert, dass Menschen für 20 Cent arbeiten. Du hast kein Leben, keine Entscheidungsmacht, keine Power of Choice. Und wenn du nicht mehr arbeiten kannst, dann schicken sie dich einfach wieder weg. Nach Hause, irgendwohin, wo du seit Jahrzehnten nicht mehr gelebt hast, gar kein Umfeld mehr hast. Das spielt alles keine Rolle, Wenn du nicht mehr nützlich bist, musst du gehen. Und das ist alles legal, amtlich. Du kriegst einen amtlichen Brief, da stehen dann irgendwelche Paragraphen, nach denen du gesetzlich verpflichtet bist, das Land zu verlassen. Irgendwelche „vernünftigen“ Gründe, Paragraphen, Gesetze finden und erfinden die da oben immer, um dieses System so am Laufen zu halten.

MEDEAS IRRGARTEN

Solidarisch ist, wer zuhause bleibt. Kunst- und Kulturinstitutionen müssen schließen, sie sind Freizeitvergnügungen. Waffengeschäfte bleiben geöffnet… Aber MEDEAS TÖCHTER* können nicht zuhause…

Medeas Töchter* @ Kultursommer

Photos by Rainer Berson

Medeas Töchter* @ Klimacamp

5 unserer Medeas Töchter* wurden am 2.9.2020 vom Klimacamp eingeladen ihre 5 systemrelevanten Performances bei ihrem Rahmenprogramm (Recht auf Stadt(t)(-Klimacamp))zu zeigen. Was…