Medeas Tochter* Lilie

Ich liebe meinen Job. Anders wüsste ich auch nicht, wie ich die 40 Stunden einer Woche, 180 Stunden eines Monats, 2080 Stunden eines Jahres überleben könnte. Jeden Tag kommen Kunden mit einer Vision hinein, nämlich, dass sie sich nachher besser als vorher fühlen möchten. Gerade wenn Stress ihr Leben zu überfluten scheint, sollen sie sich an unserem Zufluchtsort zumindest für ein paar Stunden davon befreit fühlen.

Tagein tagaus Hinterköpfe als Landschaftsbilder. Ist ja nun kein riesiger Unterschied, ob mir die Sonne über dem Meer den Rücken verbrutzelt, oder mir das Platinblond über dem Waschbecken die Retinas ausbrennt. Wenn Kunden von ihrem letzten Urlaub erzählen, dann will ich auch am liebsten gleich weg. Ich will auch jeden Tag ein neues Abenteuer erleben, mich in einen Reisegefährten aus dem Hotel verlieben, und alle Geldsorgen und Zukunftsängste vergessen.

Oft erzählen mir die Leute auch von den Stolpersteinen und Pannen ihres täglichen Lebens.

In diesen Momenten merke ich, dass die Person vor mir mehr als nur Gesicht und Haare besitzt, dass sie die gleiche Anzahl an Jahren oder mehr als ich gelebt hat, und dass ein ganzes Leben voller Erfahrungen in sie hineinpasst. Der Moment, in dem ich realisiere, dass jedes Du ein Ich ist, und schon immer war.

Wir sind viele. Sind wir deshalb ersetzbar? Wir sind Luxus. Sind wir deshalb überflüssig? Wir sind unsichtbar. Sind wir deshalb unwichtig? Jedenfalls sind wir da. Selbst bei deinem Besuch in unserem Salon bleiben wir unsichtbar. Verständlich, denn das Interessante ist deine Reflektion im Spiegel, nicht die Person, die dieses Spiegelbild Schritt für Schritt verändert. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, gesehen zu werden, sondern sehenswert zu machen. Ich erbringe die Dienstleistung, du bezahlst für den Service. Und ich bleibe dafür dem Arbeitsmarktservice fern. Du erzählst mir, ich höre zu. Ich höre dir gerne zu, aber das bedeutet nicht, dass ich nichts zu sagen habe. Wenn ich dir mein Ohr leihe, leihst du mir deine Stimme?

Ich habe doch immer mir selbst gehört, wieso habe ich nicht auf mich gehört? Bin ich unerhört, wenn ich mich jetzt hörbar mache, um gehört zu werden!

Wir müssen’s nicht Systemerhaltung nennen, aber die Nachfrage scheint ja doch ziemlich hoch zu sein. Meine Frage daher: Wie viel verdienen wir und wie viel verdienen wir?

 

MEDEAS IRRGARTEN

Solidarisch ist, wer zuhause bleibt. Kunst- und Kulturinstitutionen müssen schließen, sie sind Freizeitvergnügungen. Waffengeschäfte bleiben geöffnet… Aber MEDEAS TÖCHTER* können nicht zuhause…

Medeas Töchter* @ Kultursommer

Photos by Rainer Berson

Medeas Töchter* @ Klimacamp

5 unserer Medeas Töchter* wurden am 2.9.2020 vom Klimacamp eingeladen ihre 5 systemrelevanten Performances bei ihrem Rahmenprogramm (Recht auf Stadt(t)(-Klimacamp))zu zeigen. Was…