Medeas Tochter* Ines

Ich bin in eine medizinische Mittelschule gegangen. Meine Mutter wollte, dass alle drei Kinder Medizin studieren, es war in den 90er Jahren in Kroatien, Kriegszeit, meine Mutter dachte offensichtlich, dass das in der Zeit das Beste für uns ist. Wir alle drei wollten es aber nicht. Ich wollte eigentlich in die Kunst-Mittelschule gehen, eine Fotografin werden, aber meine Mutter erlaubte es mir nicht: „Dann wirst du dein ganzes Leben in der Dunkelkammer verbringen!“, sagte sie. Alle meine Freunde waren in der Kunst-Mittelschule. Während sie mit ihren Lehrern Joints geraucht haben, musste ich eine brave ordentliche Schülerin im weißen Mantel spielen.

Im dritten Jahrgang habe ich bei den ersten praktischen Fächern Angst vor dem Blut bekommen. Wir mussten uns drei Mal pro Woche gegenseitig Blut auf der Fingerkuppe abnehmen. Da wir alle noch Angst gehabt haben uns gegenseitig zu stechen, haben wir uns öfter leichte Stiche gemacht, sodass am Ende aus vielen Löchern das Blut geronnen ist. Als wir dann zum ersten Mal eine venöse Blutabnahme gemacht haben, hat sich eine Schulkollegin zum Demonstrieren gemeldet und eine andere spielte die Patientin. Doch die Schulkollegin hat am Ende Panik bekommen und die Spritze zu früh rausgenommen und das Blut spritzte überall hin. Mir war auf einmal ganz übel und ich bin in Ohnmacht gefallen. Im Praktikum ging es mir auch nicht besser. Ich habe ständig geweint und nach der ersten Anwesenheit bei einer Obduktion, habe ich einen Monat fast nichts gegessen. Ich habe mich gegraust wie alles in unserem Körper ausschaut.

Bevor ich wieder in diese Tätigkeit zurückkehrte studierte ich noch einmal enthusiastisch Geschichte in Wien. Nach Wien bin ich wegen der Liebe gekommen, wie man sagt: „Die Liebe bringt dich ans Ende der Welt“. Später haben wir auch geheiratet, damit ich hier bleiben kann.

An meinem ersten Tag in Wien besuchte ich mit meinem Freund das Musical „Tanz der Vampire“. Es war eine sehr kitschige Veranstaltung, alles war pompös und prächtig und so war auch Wien für mich, wunderschön! historisch! Wie ein historisches Las Vegas mitten in Europa. Hofburg, Sisi, Großstadt mit vielen Menschen aus der ganzen Welt. Ich fühlte mich wie ein Weltmensch, bereit für neue Abenteuer.

Damals konnte ich noch kein Deutsch, außer: „Eins, zwei, Polizei“. Im meinem Deutschkurs habe ich meine ersten Freundschaften geschlossen. Alle waren von irgendwo anders. Diese Buntheit hat mich erfreut. Ich war sehr eifrig, habe meine Studienzeit genossen und war eine ziemliche Streberin.

Bevor ich aber mit meinem Diplom angefangen habe, stand ich schon vor der Scheidung, mit zwei kleinen Kindern. Wie man sagt: „Man weiß nie wann die Liebe kommt und geht“. Während der langjährigen Obsorgeverhandlung verlor ich drei Mal meine zwei Kinder. Auf einmal war alles anders, auf einmal fühlte ich mich zum ersten Mal als Ausländerin, fremd und nicht zugehörig. Ich kämpfte mit unsicheren Jobs und dem Studium und als ich nicht mehr so weiter konnte, habe ich mein Studium für einige Jahre stillgelegt. Ich beschloss unglücklich, nach einem Gespräch mit meiner Mutter, meine Krankenschwestern-Matura zu nostrifizieren.

Ich werde meinen ersten Arbeitstag in einem Spital nie vergessen. Die meisten Krankenschwestern waren aus Kroatien, Serbien oder Bosnien. Es war als wäre ich wieder in Ex-Jugoslawien. Ich habe ein starkes Gefühl von dieser Zeit gespürt, obwohl ich damals noch ein Kind war. Als ob wir uns da wieder vereinen. Ein Gemeinschaftsgefühl. Und auch das Putzpersonal, alle waren aus Ex-Jugoslawien. Es haben nur noch die Bilder von Tito an den Wänden des Spitals gefehlt. Es war aber auch ein zwiegespaltenes Gefühl: ich wusste nicht ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht. Über diese Frage denke ich immer noch nach.

Ich habe einen Job, den ich nicht wollte und den ich seit Jahren ganz ordentlich mache. Ich mag die Menschen, ich mag kein Blut, kriege Panik, ich mag keine Krankheiten, werde zu emotional, ich konzentriere mich auf die Menschen. Nur auf die Menschen. Und ich habe das Gefühl das kommt auch gut an.

Jetzt sind es schon 10 Jahre seit ich als Krankenschwester arbeite: Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht, 8 Stunden-Dienst, 12 Stunden-Dienst, Samstag, Sonntag, Feiertag – alles ist möglich. Und jetzt ist die Zeit des Virus. Ich habe keine Angst vor dem Virus, aber er macht alles unheimlich. Auch die Geburtshilfeabteilung wird manchmal unheimlich still. Ich gehe durch den Flur und höre oft kein Babygeschrei. Als ob auch die Babys die Unheimlichkeit hier spuren. Manchmal bleibt alles stehen. Ich trete in die Zimmer ein und spüre Angst und nicht die übliche Freude und Euphorie. Alles ist still. Alles wird unheimlich. Ich werde mir selber unheimlich.

Mein Geschichtediplom habe ich im Nachhinein mühsam geholt, aber ich musste es für mich tun. Ich war sehr stolz mein Studium als alleinerziehende Mutter und Krankenschwester zu schaffen, obwohl ich schon längst wusste, dass ich mit dem Studium nichts machen kann.

Nächsten Monat ist mein Geburtstag, dann habe ich genau die Hälfte meines Lebens in meiner Heimat und die Hälfte meines Lebens hier verbracht. Staatsbürgerschaft habe ich nicht. Noch nicht. Aber ich habe zwei halb-österreichische Kinder erzogen.

Zurzeit wird unser Job als Systemerhaltung gefeiert, aber ich hätte gerne etwas anders gemacht womit ich meine Kinder ernähren kann und ein bisschen glücklicher wäre. Ich bin eine Systemerhalterin, die gerne ganz was anders machen würde. Aber zumindest werde ich gefeiert. Zumindest bin ich Teil von etwas hier.

Ich bin eine Kämpferin mit zwei Kindern, die ihr Ziel anstrebt und für ihren Platzt auf der Erde kämpft. Jeden Tag, in jedem Moment, komme ich immer weiter voran. Nichts wird mich aufhalten.

MEDEAS IRRGARTEN

Solidarisch ist, wer zuhause bleibt. Kunst- und Kulturinstitutionen müssen schließen, sie sind Freizeitvergnügungen. Waffengeschäfte bleiben geöffnet… Aber MEDEAS TÖCHTER* können nicht zuhause…

Medeas Töchter* @ Kultursommer

Photos by Rainer Berson

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5 unserer Medeas Töchter* wurden am 2.9.2020 vom Klimacamp eingeladen ihre 5 systemrelevanten Performances bei ihrem Rahmenprogramm (Recht auf Stadt(t)(-Klimacamp))zu zeigen. Was…