Medeas Tochter* Bihter

Ich sage es mittlerweile frei raus. Ich bin eine Transsexuelle Frau.Das hat für mich persönlich keine Bedeutung. Ich sage es nur, weil ich heute darüber sprechen werde. Ich habe im Irak studiert, Kunstgeschichte. Seit 15 Jahren bin ich aktiv für die Rechte von LGBTQI ein, und seit einigen Jahren auch für die Rechte von Sexarbeiterinnen. Ich habe sehr viel Zeit auf den Straßen verbracht, viel Zeit auf Polizeistationen. Wenn eine Frau Hilfe braucht, und mich mitten in der Nacht anruft, dann gehe ich ran, das ist keine Frage für mich, wenns nötig ist, gehe auf die Wache, nachts um 3 oder 4 Uhr . Ich bin damit aufgewachsen, für mich ist das selbstverständlich. Ich gebe alles, wenns um Gewalt gegen Frauen, Transfrauen geht. Ich lebe dafür.

Wenn ich traurig bin, dann lache ich, sehr sogar.

Wenn ich wütend bin, dann weine ich.

Wenn ich mich schäme, wenn ich bloßgestellt werde, fühle ich mich vollkommen allein gelassen. Und wenn ich mich fürchte oder mir etwas große Angst macht, dann suche ich Zuflucht bei meinen Träumen. Meine Träume geben mir Kraft. Sie bauen mich auf. So ticke ich. So bin ich eben.

Ich bin in einem Dorf bei Hatay auf die Welt gekommen. In wurde in eine Großfamilie geboren, wir waren Zwillinge. Mein Vater war ein religiöser Mann und ein Familienmensch. Er war meiner Mutter sehr verbunden, und großzügig war er, ja, das muss man sagen. Lieber hat er selbst gehungert als anderen beim Hungern zu zusehen. Meine Mutter war eine Hausfrau, die sehr eng mit ihren Kindern war. Und sie ist eine sehr produktive Frau gewesen. Sie hat sich immer etwas einfallen lassen, um etwas in die Haushaltskasse einzubringen. Sie hat angepflanzt, genäht, gebacken. Sie war die zentrale Figur unserer Familie, mit der alles stand und fiel.

Ich war schon imme sehr kreativ, schon als Kind, ich habe immer sehr viel geträumt, also Träume waren sehr wichtig für mich, ich habe meine Träume auch immer aufs Papier gebracht, gezeichnet, gemalt. Ich habe mir meine Welt selbst geschaffen, so wie ich es mir gewünscht habe. Das hat mich immer schon erfüllt. Da hat sich keiner eingemischt, keiner gesagt, was schön ist, was hässlich ist, was interessant ist oder nicht. Ich hatte alleinige Entscheidung darüber, was ich zeichnen will, welche Farben ich benutze, was ich sehen will, was ich schaffen will. Das war hundertprozentig mein eigener Ausdruck, meine tiefsten Empfindungen, die ich da ausdrücken konnte. Alle meine Wünsche und Träume, die ich niemaden erzählen hätte können, malte ich mir einfach auf ein Blatt Papier. Viele verschiedene Frauen, mit Hüten, mit schönen Schuhen, Haarspangen. Das war befreiend, sich einfach auszudrücken, ohne beobachtet zu werden, ohne verurteilt oder bewertet zu werden.

Meine Eltern hatten nicht im Traum daran gedacht, dass ihr Kind trans sein könnte. So wie alle um uns herum, haben sie eben ein Leben gelebt, dass sich sehr an den Normen orientierte. So wie alle Eltern haben auch meine Eltern versucht, ihre Kinder in eines dieser vorhandenen Schablonen reinzustecken. In der Schule, das war eine Tortur. Ich war nicht so wie die anderen Jungs, und wurde gehänselt. Es gab nichts, niemanden, keinen Mechanismus, der mich hätte beschützen können.

Mit 12 Jahren habe ich meine ganzen Mut zusammen genommen und mich meinem Vater gegenüber offenbart. Ich bin zu ihm gegangen, ich habe ihm gesagt:

Papa, ich bin ein Mädchen.

– Wie bitte?

Ich bin ein Mädchen.

– Wie ein Mädchen? Das gibt’s doch nicht. Du bist doch ein Junge.

Nein Papa, ich bin ein Mädchen, ganz einfach ein Mädchen.

Dann gings los. Du bist durchgedreht. Da ist ein Teufel am Werk, den muss man dir vertreiben. Dies das. Das hat mich richtig traumatisiert, tagelang konnte ich nicht schlafen, als kleines Kind, wie soll man damit umgehen, wenn jemand sagt, du bist vom Teufel besessen? Ich dachte ernsthaft an Selbstmord damals. Ich war überzeugt, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Bis zu dem Zeitpunkt als ich zufällig einen Transperson im Fernseher sah. Die ganze Zeit glaubte ich, ich sei mit meinem Körper, mit meinen Gefühlen und Gedanken ganz allein auf dieser Welt. In dem Moment als ich diesen Menschen im Fernsehr sah, war ich wie gefesselt: Die sieht ja aus wie ich, kurze Haare, aber geschminkt, die Brüste nur sehr dezent sichtbar. Ich dachte, ok, das merkst du dir jetzt mal, es gibt da draussen Menschen, die dir ähnlich sind, es gibt also Verbündete, und ich bin nicht alleine auf dieser Welt. Ich habe angefangen, wie bekloppt noch mehr Infos dazu zu finden, den Begriff Trans, Transvestiten zu recherchieren, Leute zu fragen, Freundschaften zu schließen. Das war die Zeit als ich anfing, mich selbst erst kennenzulernen, mich zu identifizieren. Aber natürlich bemerkte ich ziemlich bald, dass ich innerhalb dieses Landstriches, auf diesem Terrortorium nie und nimmer werde das sein können, was ich bin, also niemals frei leben können, als das, was ich bin, als Frau, als Transfrau.

Dann bin ich ausgezogen, in die Großstadt nach Istanbul, habe angefangen zu studieren, und Tagebuch zu schreiben.

Ich bin immer sehr stark gewesen. Ich habe mich selbst erst finden müssen, habe mich gefunden, habe mich selbst akzeptiert, habe den Kampf gegen mich in Frieden verwandelt, habe mich mit meinem Körper angefreundet, angefangen mich wohl darin zu fühlen, und dann wollte ich mich auch nicht mehr verstecken, verleugnen, ein Doppelleben führen. Ich wollte zu mir stehen, ich wollte nicht mehr lügen.

Das war ein Wendepunkt in meinem Leben, eine Zäsur, eine Ernüchterung, auch Enttäuschung. Ich habe den Kontakt zu meiner Familie verloren, zu meinen Freunden, Bekannten, musste mich komplett auf meine selbst geschaffenes Netzwerk an Freunden und Verbündeten verlassen. Es war nicht möglich, ein Job zu finden, Geld zu verdienen. Sobald die Leute merken, dass dein Geschlecht auf deinen Papieren mit deinem Aussehen nicht übereinstimmen, halten sie dich für einen Perversen. Entweder wurde ich gar nicht erst angestellt, oder aber ich wurde angestellt und jedesmal, ausnahmslos jedesmal sexuell belästigt. Jedes Mal das selbe, unübertrieben.

Es war mir also nicht möglich, einen Job zu finden, ohne körperliche Übergriffe über mich ergehen lassen zu müssen. Ich konnte meinen Unterhalt nicht mehr bestreiten. Ich landete dann irgednwann auf der Straße, Zwischen Drogenabhängigen und anderen Obdachlosen. Ich bereue es keine Sekunde. Es war die grösste Schule meines Lebens. Das hat meinen kompletten Blick auf das Leben verändert.

Mittlerweile geht es mir sehr gut. Ich bin glücklich verliebt. Ich habe enge Verbündete und Freunde, auf die ich mich 100% verlassen kann. Die LGBTQI Organisation, für ich arbeite, hat sich in den letzten Jahren etabliert, vernetzt. Ich bin Vorsitzende unseres Dachverbandes, und reise als Referentin auf Kongresse, es erfüllt mich, wenn ich sehe, dass es etwas bringt, den Mund aufzumachen und das Schweigen über die Gewalt gegen Frauen und Transfrauen zu brechen. Ich habe keine Angst mehr, meine Meinung und meine Ansichten, meine Erfahrungen und Einblicke mitzuteilen, zu kritisieren und anzuklagen, weil ich weiß, wie sehr es andere Frauen stärkt, und ihnen Mut macht, genauso wie es mir Mut gemacht hat, andere Frauen zu sehen, die so leben und lieben wie sie es wollen.

 

 

 

MEDEAS IRRGARTEN

Solidarisch ist, wer zuhause bleibt. Kunst- und Kulturinstitutionen müssen schließen, sie sind Freizeitvergnügungen. Waffengeschäfte bleiben geöffnet… Aber MEDEAS TÖCHTER* können nicht zuhause…

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Photos by Rainer Berson

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